Die Heeresprüfstelle Raderach und die V2 am Bodensee
Frederic Forkel, Coburg 2025
Peenemünde und die V2
Peenemünde ist der Ort, den man häufig neben Mittelbau-Dora primär in Verbindung mit der V2 (Vergeltungswaffe 2 oder auch Aggregat 4) bringt, doch befanden sich auch etliche Firmen, Hochschulen, Außenstellen und auch Konzentrationslager im Netzwerk. Zusammen sollten sie – so der Traum Adolf Hitlers – Tausende von V2-Raketen jedes Jahr fertigen und damit den Krieg gewinnen.
In Peenemünde (Halbinsel Usedom – Mecklenburg-Vorpommern) wurde 1936 die Heeresversuchsanstalt unter dem militärischen Kommando von Walter Dornberger und der technischen Leitung Wernher von Braun eingerichtet. Die Forschung begann bereits in der Weimarer Republik, weil Raketen nicht durch den Versailler Vertrag verboten waren, wie andere schwere Waffen.
Insgesamt hat die V2 keine Kriegsvorteile für das natio nalsozialistische Deutschland erbracht, sondern ganz im Gegenteil. Es wurden Milliarden an Reichsmark investiert (was mit dem Manhattan-Projekt vergleichbar ist), während zugleich mehr Menschen beim Bau ums Leben kamen als durch die direkte Kriegseinwirkung und keine militärischen Vorteile aufgrund der Ungenauigkeit der
Fernrakete erzielt wurden.
Nach dem Krieg wurde die V2, unter Mithilfe der deutschen Ingenieure und Wissenschaftler, zum Vorbild der Raketenprogramme vieler Nationen weltweit. Unter an derem ist die Saturn V-Rakete in direkter Abstammung, welche 1969 den ersten Menschen zum Mond beförderte.
Produktion in Friedrichshafen
Der Luftschiffbau Zeppelin (LZ) aus Friedrichshafen wurde schon früh in das Kriegsprojekt eingespannt. Bereits ab 1940 hat die Firma Geräte zur Druck- und Temperaturmessung für Peenemünde entwickelt. Ende 1941 wurden für die Vorserie bereits Einzelteile von LZ gefertigt und anschließend wurde der LZ auch für die weitere Serienproduktion vorgesehen.
Im Oktober 1943 wurde dann die Entscheidung gefällt, dass bei Zeppelin nur noch Mittelteile und Treibstoffbehälter gefertigt werden sollten, weil die Hauptfertigung nach Mittelbau-Dora verlegt wurde. Das Unternehmen war auch wegen der bekannten Produktion von Getriebegehäusen und den RADAR-Geräten mehrfach Hauptziel alliierter Luftangriffe, was die Produktion deutlich hemmte.
V2-Prüfstelle Raderach
Im April 1942 begannen die Planungen für eine Heeresabnahmestelle (Prüfstelle) bei Raderach (heute ein Stadtteil von Friedrichshafen). Dafür wurden Dutzende Bauern enteignet und nicht entschädigt. Anschließend wurden drei Prüfstände gebaut, an welchen ursprünglich ganze Raketen, später nur noch die “Öfen” geprüft werden sollten.
Ab Dezember 1943 war die Prüfstelle Raderach fertigestellt. Jedoch wurde bereits am 24. Januar 1944 die Stilllegung der Prüfstände angeordnet, was auf die Verlagerung der Serienproduktion nach Mittelbau-Dora und die alliierten Luftangriffe zurückzuführen ist.
Zur Tarnung trug der Ort offiziell den Namen "Chemische Werke Oberraderach", was insofern auch naheliegend war, weil dort dennoch eine Anlage weiterhin flüssigen Sauerstoff produzierte, welcher für die V2 notwendig war. Die Alliierten gingen aber nach ihren Geheimdienstberichten davon aus, dass in Raderach synthetischer Treibstoff für die Me 262 – das erste in Serie gebaute Strahlflugzeug – produziert werden würde. Daraufhin wurde Raderach als “das nun wichtigste Ziel in Europa” eingestuft und war mehrfach Ziel alliierter Luftangriffe.
Am 16. August 1944 gelang den Alliierten schließlich die weitgehende Zerstörung des Gebiets, weshalb die Anlage am 25. September 1944 endgültig aufgegeben wurde. Nach dem Krieg wurde das Gebiet durch französische Truppen als Übungsplatz genutzt und heute befindet sich auf einem Teil des Geländes eine Mülldeponie.
Zwangsarbeit für die V2
Die V2 hätte nicht ohne den oftmals tödlichen Einsatz von Zwangsarbeitern auskommen können. Bisherige Berechnungen belaufen sich auf eine Zahl von 10.000 bis 20.000 verstorbenen Häftlingen im gesamten V2-Forschungs- und Industriekomplex.
In Friedrichshafen entstand ein KZ-Außenlager von Dachau, um vor allem auch die verlorenen Arbeiter, welche in die Wehrmacht eingezogen wurden, zu kompensieren. Um dem Bedarf an besonders gut ausgebildeten Fachkräften Rechnung zu tragen, wurden auch Häftlinge aus Sachsenhausen und Oranienburg herangeschafft. Die Anzahl der Häftlinge in diesem Lager belief sich auf bis
zu 900. Neben dem Luftschiffbau Zeppelin beteiligten sich auch die Zahnradfabrik, Dornier, Maybach und das Reichsbahnausbesserungswerk am Lager. Aus diesem Lager sind 42 tote Häftlinge dokumentiert, wovon jedoch 33 auf alliierte Luftangriffe zurückzuführen sind.
LZ hatte aufgrund der Luftangriffe seine Produktion in das ländliche Saulgau verlegt, wo die Firma Bautz gezwungen wurde, ihre Betriebsflächen zur Verfügung zu stellen. Das Lager in Saulgau, welches am 4. April 1945 erst die Produktion einstellte, wurde nach der Befreiung von den Franzosen und zurückgebliebenen Häftlingen abgebrannt. 254 andere Häftlinge wurden vor dem Ende des
Produktionsstopps noch ins KZ Dachau gebracht.
In der Prüfstelle Raderach wurden ab August 1943 für den Aufbau Häftlinge eingesetzt. Zunächst waren dies hauptsächlich Kriegsgefangene aus Großbritannien und den USA. Nach einem Luftangriff auf LZ in der Nacht auf den 28. April 1944 wurde auch ein großer Teil der größtenteils russischen Häftlinge von dort nach Raderach verlegt. Als am 25. September 1944 Raderach aufgegeben wurde, kamen 762 Häftlinge über Dachau ins KZ Buchenwald.
Des Weiteren wurde unter dem Decknamen Projekt "Magnesit" im Frühjahr 1944 in Überlingen am Bodensee auf Hitlers Befehl mit Planungen begonnen, einen bombensicheren Stollen für die Industrieproduktion der V2 zu schaffen. Für September 1944 wissen wir heute von einem KZ-Außenlager mit zirka 700 Häftlingen, von denen ungefähr 250 den Krieg nicht mehr überlebten.
Timeline*
März 1939
Erste Vorführung der V2 vor Hitler in Peenemünde
15. September 1941
Fertigung der V2 bekommt Dringlichkeitsstufe “SS”
April 1942
Beginn der Planung für die Prüfstelle Raderach
3. Oktober 1942
Erster erfolgreicher Test einer V2
22. Dezember 1942
Heeresversuchsanstalt Peenemünde wird von Hitler zum “Großindustrieunternehmen” hochgestuft
20 - 21. Juni 1943
Erster Luftangriff auf Friedrichshafen
Oktober 1943
Entscheidung, dass der Luftschiffbau Zeppelin nur noch Mittelteile und Behälter für die V2 produzieren solle; Einzug von Produktionsstätten in Saulgau in der Firma Bautz AG
Dezember 1943
Prüfstelle Raderach ist einsatzbereit
24. Januar 1944
Direktor Schilling ordnet Stilllegung der Raderacher Prüfstände an
18. April 1944
Fast vollständige Deindustrialisierung Friedrichshafens durch Luftangriffe
28. April 1944
Verlagerung der meisten KZ-Häftlinge von LZ nach Raderach
Juni 1944
Beginn am Bau des Stollens in Überlingen (Projekt “Magnesit”)
3. August 1944
Misslungener Luftangriff auf die Prüfstelle Raderach
16. August 1944
Weitreichende Zerstörung der Prüfstelle Raderach
7. September 1944
Erster Einsatz der V2 gegen Paris
25. September 1944
Auflösung des Lagers Raderach
4. April 1945
Einstellung der Produktion durch LZ in Saulgau
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* Die Timeline beinhaltet nur die wichtigsten Eriegnisse, um die Geschichte der V2 am Bodensee einzurahmen. EIne Vollständigkeit soll hier nicht angesrebt werden.